Die Rostocker Spielpfeife

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    • Die Rostocker Spielpfeife

      Ich grüße alle Sackpfeifer!

      Vor Jahren, im Frühling 2008 um genau zu sein, gab es auf sackpfeifenbau.de kleine Textausschnitte von Merit Zloch(?) als .pdf die man sich herunterladen konnte und welche archäologisches Fundmaterial behandelten und zwar Rohrblattinstrumente. Die hatte ich immer noch auf dem Rechner bis heute. Beim Wiederdurchlesen fiel mir wieder der Begriff "Rostocker Spielpfeife" auf, angeblich das bisher einzige Rohrblattinstrument aus dem eigentlichen Mittelalter - laut Text aus dem 15ten Jahrhundert. In den pdf's waren sind auch Zeichnungen dabei und eine Passage, Zitat:
      Alexander Remdes und Horst Grimm bauten die Rostocker Spielpfeife nach und brachten sie wieder zum Klingen. Auch hier war ein Einfachrohrblatt als Tonerzeuger offenbar die beste Lösung. Beide Instrumentenbauer banden das Instrument als Spielpfeife in eine Sackpfeife mit einem Bordun ein. Die Rekonstruktion von Horst Grimm ergab eine chromatische Skala vom Grundton as´ bis zum f´ 34. Ralf Gehler fertigte eine weitere Sackpfeifenrekonstruktion mit einem Nachbau der Rostocker Spielpfeife von Alexander Remdes an. Er legte den Bordun auf den tiefsten Ton der Spielpfeife (as). Diese Rekonstruktion ergibt ebenfalls eine chromatische Skala. Das Daumenloch bringt keine tonale Erweiterung. Das Instrument hat einen unerwartet kräftigen Klang.
      Weiß jemand um welches Werk es sich handelt und ob es irgendwo mehr Infos zu der Rostocker Spielpfeife gibt? Die Abbildung der Rostocker Spielpfeife in einem der pdf's zeigt die Anordnung und Form der Grifflöcher, wleche dieser historischen Abbildung aus dem 15 Jh. äußerst ähnlich sind: La Nativité (Robert Campin) Man beachte das Doppelloch ganz unten und die Tatsache dass dieses Bild auch aus dem 15ten Jahrhundert stammt.

      Aber vor allem ist die Tonreihe der Rekonstruktion der Rostocker Pfeife laut dem o.e. Text sehr interessant denn es scheint eine chromatische Tonskala von as' bis f'' zu sein. Da ist man gar dazu geneigt zu denken das A des Marktsckes ist doch gar nicht so unauthentisch wie man denkt. ^^ Wenn die Rostocker Spielpfeife sich rein theoretisch in einer Sackpfefe mit einem ais'-Bordun genutzt wäre, dann ergäbe sich eine saubere Quinte zwischen dem ais' und f'', denn aufgrund der Chromatik hat es bestimmt einen ais'-Griff. Uns ist eine solche Anordnung vom Schaperpfeiff des Praetorius bekannt wo zwei Bordune in b und f beschrieben werden.

      Meine Frage; um welche Literatur handelt es sich? Wo kann man mehr über diesen Fund oder andere ähnliche Funde erfahren?

      Grüße

      Gregorius
    • Lieber Gregorius, es handelt sich um einen Ausschnitt aus meiner Magisterarbeit. In dem pdf sollten auch weitere Rohrblattinstrumente vor 1500 erwähnt sein. Du hast aber insofern recht, als daß es sich bei der Spielpfeife aus Rostock um das Instrument handelt, was am sichersten (m.Ea. nicht GANZ sicher, aber ich bin eine sehr skeptische Frau :-)) um eine Dudelsackspielpfeife handelt.

      Wenn mein Rechner wieder funktioniert oder ich einen neuen habe :( , gibt es mehr Infos. Es gibt über die Funde einiges an Literatur außer meiner Arbeit, Teile davon ganz brauchbar, andere wiederum......:-)

      Ansonsten muß gleich noch erwähnt werden, daß Thomas Rezanka als erster der zahlreichen Nachbauer aus dem Ding eine diatonische Skala herausgeholt hat. Der Klang ist dann sehr verhalten - bisher hatten alle Nachbauten einen kräftigen, leicht säckpipaartigen Klang.

      Herzliche Grüße, ich freue mich, daß hier jemand dieses spannende Thema anreißt! Merit Zloch
    • Merit Zloch schrieb:

      Wenn mein Rechner wieder funktioniert oder ich einen neuen habe :( , gibt es mehr Infos.
      Ich hab ehrlich gesagt überhaupt nicht erwartet dass die Autorin sich sofort persönlich meldet. :wiegeilschild: Vielen Dank für die gegebenen und künftige Infos!!

      Ansonsten muß gleich noch erwähnt werden, daß Thomas Rezanka als erster
      der zahlreichen Nachbauer aus dem Ding eine diatonische Skala
      herausgeholt hat. Der Klang ist dann sehr verhalten - bisher hatten alle
      Nachbauten einen kräftigen, leicht säckpipaartigen Klang.

      Herzliche Grüße, ich freue mich, daß hier jemand dieses spannende Thema anreißt!
      Da ich persönlich ein musikalischer Dilettant bin und deswegen keine rechte Vorstellung von historischen Instrumenten besitze, würde ich, um das Thema weiter spannend zu erhalten, eine bestimmte Frage stelllen.

      Wenn man als professionelle(r) Musiker(in) und Instrumentenbauer(in):
      1. Den präzisen Nachbau der Rostocker Spielpfeife hätte
      2. Die überlieferten Melodien des 14-15 Jh. vorliegen hat (Llibre Vermeill, Machaut, etc.)
      3. Den unbändigen Drang verspürt diese auf der Rostocker Spielpfeife zu spielen und zwar in Form einer Sackpfeife mit nur einem Bordun

      ... welcher Grundton/Bordun und Tonart würde da bei einer chromatischen as'-f''-Tonleiter am meisten Sinn machen?

      Ich selbst kann nur soweit denken dass man auf das a' der Spielpfeife ein A-Bordun legen könnte und mit der Tonleiter a_h^c_d_e^f das berühmte "In taberna quando sumus" spielen kann...
    • Lieber Gregorius, leider funktioniert eine solche, recht "klassisch" gedachte Herangehensweise nicht :-). Ich mußte bei dem Gutachten eines Musikwissenschaftlers zu dem Fund, der ähnlich dachte, auch ziemlich grinsen - aber dazu mehr, wenn ich Zeit habe und Rechner....

      Es handelt sich bei der Rostocker Spielpfeife sozusagen um ein Volksmusikinstrument, über das nichts außer seiner Existens bekannt ist. Es fehlt sogar obendrein noch ein für die Tonerzeugung essentielles Teil - das Rohrblatt!

      Stell Dir also vor, Du hast sozusagen bei Deinem letzten Indienbesuch eine (fiktive) hinterindische Schwebeflöte erworben, dazu einen Haufen Noten klassischer indischer Musik, und jetzt möchtest Du das beides verheiraten. Sinnvoller wäre es natürlich, die hinterindischen traditiionellen Schwebeflötenspieler aufzusuchen und ihr Repertoire und ihre Technik zu lernen - aber Du bist ja jetzt wieder in Deutschland und kannst die nicht fragen.....

      Was ich sagen möchte, ist: Wir haben ein singuläres Instrument aus einer längst vergangenen Epoche mit einer uns unbekannten Spielweise und unbekanntem Repertoire. Das Sinnvollste zur Wiederbelebung ist meines Erachtens, zu schauen, was das Instrument hergibt, und dann damit Musik zu machen. Wenn der eine oder andere Guillaume de Machaut darauf funktioniert, ist es nett - aber recht unwahrscheinlich.

      Ich finde auch ohne eine Zusammenführung mit erhaltenen Noten die Rostocker Spielpfeife ein superspannendes Instrument, das Wiederbelebung verdient. Aber "authentische mittelalterliche Musik" wird keiner außer einem wiederauferstandenen Sackpfeifer aus dem Mittelalter, der auch noch genau mit diesem Typ Instrument vertraut ist, damit machen können. ABER: Das Instrument selbst - und nur das - ist "authentisch mittelalterlich" - und das ist schonmal viel, viel mehr als alles, was man mit noch so viel Liebe zum Detail und zur Frühen Musik nach Abbildungen nachbaut!

      Herzliche Grüße, Merit Zloch
    • @ Merit
      Ja, meine Idee war typisch für Leute die nicht wissen aber dabei brav "nachdenken". Wenigstens komme ich mir selbst nicht so hohl vor wenn ich lese dass selbst Musikwissenschaftler in diesselbe Falle tappen :D
      die Rostocker Spielpfeife ein superspannendes Instrument, das Wiederbelebung verdient.
      Mal was anderes - in einem deiner pdf's gibt es eine Zeichnung von R3, eben der Rostocker Spielpfeife sowie ein Datenblatt dazu. Darf ich das hierher posten damit die anderen Teilnehmer sehen wovon die Rede hier ist? Du bist der Urheber.
    • Tolles Video, sehr informantiv!
      Nur damit ich weiß dass ich es richtig aus dem Englischen verstanden habe...
      - Die Kopie von Thomas Rezanka hat den Grundton g' (466 Hz) auf dem zweiten Loch von unten stehen, was nach oben eine kleine Septime, d.h. f'' ergibt.
      - Der unterste Ton ist ein as' / g' (440 bzw. 466 Hz) und liegt auf dem Ringfinger der rechten Hand , der maximale oberste Ton kann mithilfe des Daumenlochs ein fis'' (466 Hz) sein
      - Der Leitton der Skala befindet sich einen Halbton tiefer unter der Tonika, das bedeutet ein fis' (das Doppelloch)
      - Von g' aus hat die Pfeife die kleine Terz (ais'), die kleine Sexte (es'') und mit Hilfe des Daumenlochs auch die große Sexte (e'')
      - Es ergeben sich zwei unvollständige Tonreihen: g-Moll und g-Dorisch (mit Hilfe des Daumenlochs)
      - Der Bordun ist in G

      Das ergibt also insgesamt zwei Tonreihen die in etwa so aussehen:

      fis ^ g' _ a' ^ ais' _ c'' _ d'' ^ es'' _ f'' (Moll von g' aus)

      fis ^ g' _ a' ^ ais' _ c'' _ d'' _ e'' ^ fis'' (Dorisch von g' aus)

      Hier würde es mich interessieren wie hoch die Chancen sind dass das Original evtl. auch plagal gestimmt sein könnte, wie im Stil einer z.B. Mazedonischer Gajda Wenn der Bordun auf ais' gelegt wird ergeben sich zwischen den Tonreihen schon ziemliche Gemeinsamkeiten, wenn man die Tonreihen vergleicht. Soweit ich das beurteilen kann...

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Gregorius ()

    • Noch was spannendes....
      In einem Museum in der weißrussischen Stadt Lepel existiert eine originale weißrussische Duda aus dem Jahr 1877. Sechs Tonlöcher und ein Daumenloch, ein Bordun. Hier ist ein Video wo die Spielpfeife dieses Instrumentes direkt angespielt wird:
      youtube.com/watch?v=oLecBqDK_dI&t=0m09s
      Das Ding klingt reichlich schräg, was viele Ursachen haben kann, aber wenn man dem Mann auf die Finger schaut und ein eigenes Stimmgerät parat hält (440 Hz), erkennt man dass der tiefste Ton dieser Pfeife ein GIS ist und der zweittiefste ein A. Diese Pfeife befindet sich also im denselben Tongefilde wie die Rostocker Spielpfeife.

      Es gibt einen weißrussischen Instrumentenbauer der dieses Instrument studiert und kopiert hat:
      belduda.com/16-duda-licvinskaj…vaja-lepelskaga-typu.html
      Laut seinen Ausführungen wird das Instrument geschlossen gespielt und hat die folgende (bereinigte) Skala: g' _ a' ^ ais' _ c'' _ d'' ^ es'' _ f'' _ g''
      Das Bordun wird in C gestimmt. Im Prinzip ist die Stimmung dieses Instrumentes der Rostocker Spielpfeife und der Schäferpfeife in G gar nicht so unähnlich.
    • Merit Zloch schrieb:

      Spezialist für weißrussische Dudelsäcke ist Uli Morgenstern von der Uni Wien, ehem. Hamburg.

      Und nicht nur für weißrussische Sackpfeifen! Ich kann eine Kontaktaufnahme nur empfehlen. Beim letzten Besuch in Hamburg hatte er gerade u.a. ein Instrument von Juras Pankevich dabei, wenn ich mich nicht täusche. Eine Liste seiner Publikationen und Kontaktinfos findet sich auf der Homepage des Instituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie der Uni Wien.

      Zum Thema der Rekonstruktion von historischen Spielpfeifen kann ich noch die Texte von Barnaby Brown und Julian Goodacre empfehelen, die sich der Erforschung des ältesten erhaltenen Highland Pipe Chanters gewidmet haben. Auch wenn es sich um einen völlig anderen Instrumententyp aus einer anderen Epoche und einer "kontinuierlicheren" Tradition handelt, sind insb. die Anmerkungen zu den Rohrblättern und dem Rohrblattsitz / bzw. dem Übergang von diesem zur darunter liegenden Bohrung sehr informativ. Am Ende des Textes finden sich noch zwei illustrierte Artikel aus Piping Today zur Rekonstruktion dieser Spielpfeife.

      Viele Grüße,

      Timo
      Die Sackpfeifenschule in Hamburg

      Tha mo bhàta-foluaimein loma-làn easgannan !
    • Da ich mal wieder "quellenmäßig" unterwegs bin... :D

      Die RS ist, wie wir aus den originalen Publikationen entnehmen, auf 466 Hz gestimmt. Ein anderes historisches Instrument, der Iain Dall chanter (Ende 17 Jh.), im Original erhalten, ist ungefähr bei 455-460 Hz angesiedelt. Und wie der Zufall so will, stolpere ich über eine sekundäre Quelle, die eine Stimmung angibt, die anscheinend von Michael Praetorius selbst vertreten wurde - 455 Hz. Wenn wir davon ausgehen, dass Praetorius die Stimmung der Schäferpfeife in seiner Syntagma Musicum anhand a = 455 Hz beurteilt hat, müsste das damalige B aber so um 482 Hz liegen, für das moderne Ohr also ein Ton der sich irghendwo zwischen B und H befindet ... also so ziemlich dasselbe wie das hohe schrille a' der heutigen Schottenpiper!

      Sache ist aber, ich las oft dass gerade in der Renaissance die Instrumente bedeutend tiefer als 440 Hz gestimmt wurden...

      Apropos Praetorius: Syntagma Musicum
      Der Bock ist in C, manchmal auch tief-G, Schäferpfeife ist auf B gestimmt, Hümmelchen auf F, Dudey auf B/Es und die "sonderliche" Magdeburger Sackpfeife wird als eine Terz tiefer als die Schäferpfeife angegeben, also auf G (was anhand der angegebenen Tonreihe nur logisch ist). Es ergeben sich also vier Stimmungen, G, C, F und B, oder grob gesagt zwei Stimmungsgruppen - G/C und B/F. Die Rostocker Spielpfeife fällt hiermit in die G/C - Gruppe.

      An der Stelle wäre es spannend die folgende Frage zu erforschen - inwieweit werden diese historischen Stimmungen von dem überlieferten Liedgut & Notenmaterial des Spätmittelalters und der Renaissance gedeckt??

      Ein Beispiel: Das Münstersche Fragment, 1. Viertel 14 Jh., die Originalquelle des "Palästinaliedes" (siehe unten rechts).
      Dank der Notenschlüssel (C und F) sehen wir um was für Notewerte es sich handelt. Es wäre doch sehr spannend und vor allem machbar(!) zu erschließen, welchen Bordun wir da brauchen würden, wenn diese Melodien auf einer Sackpfeife gespielt werden müssten! Die Methodik, die dafür nötig ist, haben wir ja ausführlich diskutiert. :)
      Alles was ich bisher sehe ist dass das "Palästinalied", so wie im Original notiert, einen D-Bordun brauchen könnte.

      EDIT

      Cantigas de Santa Maria, das Münstersche Fragment und Llibre Vermell de Montserrat, all diese Quellen enthalten Notationen die mit Notenschlüsseln versehen sind, somit kann man die aufgeschrieben Noten identifizieren. Man kann einzelne Zeilen unterscheiden, den Anfang und den Schluss. Hiermit kann man relativ unkompliziert die Noten herauspicken, die am Ende der Zeilen und am Ende des Stücks stehen - wodurch sich der dazugehörige Bordun fundiert vermuten lässt ("letzter Ton = Grundton"). Also, ich habs versucht... 100% Dilettantenarbeit. Deswegen bitte überprüfen und schonungslos kritisieren. ;)
      CANTIGAS: 2, 3, 4, 5, 7, 8, 9, 10, hätten vermutlich folgende Bordune nötig: D, C, F, F, D, C, F, D
      MÜNSTER: Palästinalied ist D, die anderen Melodien sind unvollständig, auf der seite 2 aber eine komplette welche anscheinend in A steht.
      LLIBRE VERMELL: O Virgo Splendens scheint in D zu sein, wie Stella Splendens, Cuncti Simus Concanantes hingegen eindeutig in G. Weitere diverse Stücke aus dem Llibre sind offenbar eins in D und zwei in F.

      Meine Ausbeute ist also 5 authentische mittelalterliche Stücke wo ein F-Bordun, und 7 Stücke wo ein D-Bordun passen könnte(!!). Daneben zwei wo ein A und ein G-Bordun passend wäre und zwei wo C funzen würde.

      Nun, WAS wäre daraus zu schließen??? Ich selbst habe noch keine Ahnung. :huh:

      EDIT 2

      Ich habe dasselbe mit dem Lochamer Liederbuch versucht und mir kamen überwiegend G's und D's entgegen. Die Roctocker Spielpfeife und jenes Liederbuch stammen aus ungefähr derselben Zeit.

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    • Arno schrieb:

      Daraus wäre gar nichts zu schließen.
      Weil man schon "Damals" transponieren konnte und Instrumente in verschiedenen Stimmungen hatte...
      Damals kannte und konnte man auch die relative Notation noch ganz gut. Da war dann das c und f (warum eigentlich beide? An sich hätte eines gereicht) egal und der Ton auf der untersten Linie einfach der Grundton und dann hatte man noch den tiefsten Ton - Leitton - da drunter.

      Ich könntevmir auch vorstellen, dass in Mensuralnotation aufgeschriebene Minnelieder und Sackpfeifen nicht so regelmäßig in Kontakt kamen. Schon eher die Stimme des Minnenden und das Ohr des Pfeifers. Und der wird meist nicht über ein absolutes Gehör verfügt haben sondern sich sinnvollerweise den Melodieverlauf gemerkt haben. Oder sehe ich das falsch?

      Eine Stimmgabel wird er auch nicht genommen haben, die ist erst 1711 erfunden worden.
      Gruß,
      Kristof

      folk.jankristofschliep.com
      jankristofschliep.com

      ____________________________

      Wird man einem Dudelsack vorgestellt,
      so redet man ihn selbstverständlich so
      lange mit "Siedelsack" an, bis einem
      offiziell das "Du" angeboten wird!


      :rofl:
    • Kristof schrieb:

      Ich könntevmir auch vorstellen, dass in Mensuralnotation aufgeschriebene Minnelieder und Sackpfeifen nicht so regelmäßig in Kontakt kamen.
      Das ist ein sehr guter Einwand.
      Es gibt eine zeitgenössische Melodiegattung , die Estampie, ein Tanzlied bzw. Tanzstück. Wir wissen auch, durch Abbildungen, dass Sackpfeifen zum Tanz aufgespielt wurden. Würde es nicht nahe liegen dass eine Estampie "sackpfeifentauglicher" ist als die anderen Melodien der damaligen Zeit? Es sind etliche Estampien überliefert:

      spielleut.de/musik.htm (siehe die ersten Stücke in der Tabelle)

      Die Noten sind keine Originale, sondern moderne Transkriptionen, und für mich leider zu kompliziert. Die Tabelle bietet auch einige Stücke unter dem namen Saltarello, welche ebenfalls spätmittelalterliche Tänze sind. Ich nehme einfach mal an, man könnte diesen Stücken eine gewisse Nähe zur Sackpfeifenmusik unterstellen.


      Merit Zloch schrieb:

      Für mich ist die Grimm-Rekonstruktion kein "so war es", sondern eben eine Rekonstruktion im Sinne "es ist sehr wahrscheinlich, daß....". Ich mache da immer gern Unterschiede.
      Das ist auch richtig so. Man nimmt halt was man kriegen kann... Was wir bräuchten sind mehr belastbare Daten, wie z.B. die Stimmung der sog. KHM-Spielpfeife, welche ohne eingehendes Studium des Originals leider nicht zugänglich sind.

      Grüße!

      EDIT

      Ich habe gestern mir Zeit genommen ein kleines Review zu machen, es ging um die heutzutage populärsten und gängisgsten Volks- bzw. Kinderlieder. Und ich fand dass der größte Teil dieser ebenfalls zumeist auf den Grundtönen F und D steht. Ich vermute mal es gibt Gründe dafür dass bestimmte Tonarten populärer sind als die anderen.

      Des Weiteren hab ich versucht diesen Artikel praktisch nachzuvollziehen:
      sackpfeifenclub.org/index.php/…ferpfeife-nach-praetorius
      Altblockflöte + digital erzeugter B/f - Quintbordun + moderne Volkslieder in F und in C.
      F-Lieder klangen alle gut, C-Lieder meist zufriedenstellend bis gut.
      Dilettantengehör, also keine Gewähr... ;)

      Es liegt mir fern irgendwelche Kontinuitäten zu behaupten, aber es muss ja einen repertoire-bezogenen Grund haben, warum die Sackpfeifen bei Praetorius so auffällig B- und F-lastig sind. Für mich als Dilettant schaut es halt so aus als ob F eines der am meisten verbreiteten Liedtonarten der letzten 700 Jahre wäre... Die Harmonien des Schäferpfeifennachbaus von Tose implizieren auch eine gewisse Vielseitigkeit, die bis zum gewissen Grad B, F und C abdecken kann.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Gregorius ()