Die Rostocker Spielpfeife

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Hej ho Zusammen!
      Mal ein Beispiel aus meiner privaten Spielpraxis:
      Ich selbst spiele 4 Instrumente mit verschiedenen Grundtönen.
      Schäferpfeifen in A/G und D sowie Säckpipa in E (immer der Sechsfingerton)
      Wenn ich nach Noten spiele (was nicht so oft vorkommt) spiele ich immer nach Notationen
      für D oder G Sack, weil ich A oder E nicht lesen kann. Die Säckpipa wie auch der A Sack sind bei mir im
      Kopf also ein transponierendes Instrument.
      Wenn jetzt jemand in 200 Jahren meine privaten Noten und nur meinen A Sack findet, kommt derjenige darauf,
      das ich mit einem Kammerton von a=493 HZ gespielt habe, weil in dieser Stimmung das a auf 440 HZ mit g bezeichnen würde.
      Warum schreibe ich das:
      Noten und Instrumente haben nicht zwangsläufig miteinander zu tun. Zum einen kann man Noten transponieren, zum anderen sind
      Kammertöne (grade im Volksmusiksektor) meines Erachtens zu vernachlässigen.
      Nach der aktuellen Quellenlage haben z.B. Dudelsack und Geige viel miteinander gespielt. Meiner Vermutungt nach aus dem Grund, das eben der
      Grundton ehr eine grobe Orientierung ist, und die geige dem Dudelsack recht einfach hinterherstimmen kann (eine Kollegin mit der ich spiele stimmt ihre
      Geige manchmal um einen Ton nach unten, einfach weil ein paar Sachen dann besser liegen)
      Alles in allem würde ich (zumindest im Bezug auf Dudelsäcke des Volksmusiksektors) behaupten, einen konkreten Grundton der bewusst und für mehrere Instrumente
      verwendet wurden ist, gab es nicht.

      Um noch eine nette Alternativtheorie aufzustellen:
      Die Rostocker Spielpfeife hat nach der Rekonstruktion von Thomas Rezanka eine dorische Skala mit der möglichkeit kleine und große Sext zu spielen.
      Anfangston ist as ausgehend von a=440.
      Man könnte auch sagen:
      Die Rostocker Spielpfeife war in A=415 (dann wird aus dem as ein a).
      Wir haben es hier also mit dem kleinen Bruder unserer heutigen A-Schweine (alias Marktsack) zu tun. :D

      Spaß bei Seite:
      Ich freu mich über jeden der sich mit den paar historischen Instrumenten beschäftigt, weitermachen.
      Die Frage ist eben nur, was kann man aus den Funden schließen, und das ist meines Erachtens eben nicht besonders viel.
      Es ist schlicht spannend das es sie gab, aber ohne Originales Blatt, und ohne das wir wissen ob es ein tatsächlich funktionierendes
      Instrument war, können wir schlicht zu wenig konkrete Schlüsse aus ihnen ziehen.
      Es könnte ja auch sein, das wir grad aus einem Instrument aus der Abfallkiste eines Rostocker Instrumentenbauers ein funktionierendes Instrument
      machen wollen. Und ganz ehrlich, wenn jmd. mal in meine Restekiste greift, findet er da sehr verrückte Dinge.

      In diesem Sinn,
      Grüße,
      Mattis
    • Wie Mattis so schön gesagt hat, hat das Konzept des Kammertons für traditionelle Musik der Vergangenheit kaum Bedeutung. Für die Highland Pipe gilt ja bis heute, dass die Bezeichnung der Töne (Low G bis High A) traditionell ist und keinen Hinweis auf die tatsächlichen Tonhöhen und Intervalle zulässt.
      Bis zur Einführung der westlichen Notenschrift für die Musik der Highland Pipe zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert wurde das Repertoire
      ausschließlich mündlich tradiert. Die neun Töne des Chanters wurden mit Silben benannt, die nur aufgrund ihrer phonetisch-akustischen Eigenschaften gewählt wurden. So wurde das Low A i.d.R. durch den Nasal [⁠n⁠] im gesungenen Canntaireachd wiedergegeben, die Quarte D als [⁠a] oder (da, ba).

      Die Frequenz des Low A ist also nicht standardisiert und liegt bei modernen Instrumenten in etwa zwischen 470 und 480 Hz. Noch in den 1950er Jahren lag die Frequenz deutlich tiefer, zwischen 448 und 469 Hz. „A dramatic rise in pitch of pipe bands since the 1960s drove the median pitch in solo piping up to 476 Hz in the 1990s“ (Barnaby Brown, The Iain Dall Chanter, in: Joshua Dickson (Hg.) The Highland Bagpipe, Surrey 2009, S. 25-46, hier S. 35.)

      Es wird angenommen, dass frühe Highland Pipe Maker im 17. und 18. Jhd ihre Instrumente mitunter nach den Kirchenorgeln vor Ort stimmten (Quelle habe ich gerade nicht zur Hand), so denn die Orte überhaupt über eine Kirche mit Orgel verfügten. Natürlich waren auch die Stimmungen der Orgeln damals nicht genormt und die Unterschiede von Ort zu Ort konnten recht groß. Das Einzige, was wir sagen können, ist dass die Chanter der Highland Pipe im Schnitt um die 40cm lang sind und die Frequenz des Low A in den vergangenen Jahrhunderten zwischen etwa 440Hz und 480Hz schwankte.
      Noch heute stimmen britische Blaskapellen nach dem High British Band Pitch mit a=452Hz. Orchester stimmen heute häufig auf 442 oder 443Hz.

      Wie uneinheitlich das ganze selbst in der Kunstmusik früher war, wird sofort klar, wenn man sich Reise-Sets von z.B. Querflötisten anguckt, die ein Kopfstück und mehrere unterschiedlich gestimmte Unterteile für ihre Instrument mitführten. Da hatte der Musikus dann ein Flötenunterteil für die Kapelle am badischen Hofe, für den bayerischen oder preußischen. Wenn es dann noch ins Ausland ging, musste schon einiges mitgeschleppt werden.

      Ich bin sehr froh, dass sich die Sackpfeifenmacher (Schottland mal ausgeklammert) auf a=440Hz geeinigt haben und wir durch diese Standardisierung ohne Probleme mit anderen Musikern von nah und fern gemeinsam Musik machen können.

      Im Studium bekam ich immer zu hören "Über die Vergangenheit wissen wir nichts" und "wer die beste Geschichte erzählt, gewinnt und wird zitiert". ;)
      In diesem Sinne, noch einen schönen Sonntag!
      Timo
      Die Sackpfeifenschule in Hamburg

      Tha mo bhàta-foluaimein loma-làn easgannan !
    • mattis schrieb:

      Nach der aktuellen Quellenlage haben z.B. Dudelsack und Geige viel miteinander gespielt. Meiner Vermutungt nach aus dem Grund, das eben der
      Grundton ehr eine grobe Orientierung ist, und die geige dem Dudelsack recht einfach hinterherstimmen kann (eine Kollegin mit der ich spiele stimmt ihre
      Geige manchmal um einen Ton nach unten, einfach weil ein paar Sachen dann besser liegen)
      Apropos Quellenlage
      repositories.tdl.org/ttu-ir/bi…EEN-THESIS.pdf?sequence=1
      Siehe S.6. Sehr interessant!
      Slow equals smooth and smooth equals fast
    • Volkslieder! Also gesungen. Kein Mensch nimmt zum Singen erst ein Instrument um die Tonart zu finden, sondern singt einfach so los.

      F ist ein für Lieder mit einer Oktav Umfang (selten gehen Volkslieder drüber, das geht dann schon meist in Richtung Kunstllied) eine sehr angenehme Tonart zum Singen. VIele Lieder in Kirchengesangbüchern stehen in F, weil das für die Gemeinde gerade noch zu schaffen ist. Und F-Dur ist praktisch zu notieren, weil es nicht zu viele Hilfslinien braucht. Oft ist es dann F plagal von c bis c'- Das gilt auch ähnlich für D, dann dann von d bis d'

      Ich würde mich aber überhaupt nicht auf diese ganzen Tonarten versteifen. Man kann jede Melodie in jeder Tonlage spielen, wenn der Umfang stimmt. Und selbst wenn nicht - dann entstehen halt instrumententypische Varianten.
      Gruß,
      Kristof

      folk.jankristofschliep.com
      jankristofschliep.com

      ____________________________

      Wird man einem Dudelsack vorgestellt,
      so redet man ihn selbstverständlich so
      lange mit "Siedelsack" an, bis einem
      offiziell das "Du" angeboten wird!


      :rofl:
    • Hallo alle zusammen!

      Ich habe mich vor ca. 1,5 Jahren etwas intensiver mit der Rostocker Spielfpfeife beschäftigt und einige Rekonstruktionsversuche unternommen und mich vorher mit der Thematik auseinandergesetzt. Meine Überlegungen und Erkenntnisse daraus habe ich in einem kleinen Artikel zusammengeschrieben welcher auch in englischer Version in einer Ausgabe von "Chanter" der Bagpipe Society veröffentlicht wurde.
      Wen es interessiert, der kann sich das hier ansehen:
      rezanka.at/RostockRez.pdf

      Liebe Grüße
      Thomas
    • Vollständigkeitshalber...
      recorderhomepage.net/history/the-medieval-period/
      recorderhomepage.net/instrumen…r/modern-reconstructions/
      Ich fand zwar keine konkreten Schlussfolgerungen über die Tonreihe des Originals, aber erstaunlicherweise entspricht die Gesamtlänge und die Konfiguration der Tonlöcher der Göttinger Blockflöte im Wesentlichen dem, was wir heute unter Sopraninoblockflöte verstehen (Quelle, S. 192-93). Es behstehen jedoch Unterschiede in der Beschaffenheit der Innenbohrung.

      Ein schöner Forschungsgegenstand... ;)

      Grüße!
      Slow equals smooth and smooth equals fast

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Gregorius ()

    • Noch ne mega-interessante Quelle!
      archive.org/stream/Untersuchun…n_Pfuhl#page/n55/mode/2up

      Hier wird auf der Seite 50 eine Passage aus La Prison Amoureuse (ca. 1372) von Jean Froissart zitiert, und dort werden dudelsackspielende Ménestrels (Minnesänger?) erwähnt welche Tanzmelodien spielen, wobei auch die Estampie als deren Liedgut erwähnt wird! Die einzige Übersetzung dieser Passage die mir soweit begegnete, ist in Englisch:

      La estoient li menestrel
      Qui s'acquittoient bien et bel
      A piper et tout de novel
      Unes danses teles qu'il sorent,
      Et si trestot que cessé orent
      Les estampies qu'il batoient,

      Here are all the minstrels rare
      Who now acquit themselves so fair
      In playing on their pipes whate'er
      The dances be that one may do.
      So soon as they have glided through
      The estampies of this sort [...]
      Wie auch immer übersetzt, es ist doch bemerkenswert dass die Estampie als Tanz mal so schön "sackpfeifennah" in den Quellen erscheint und es tatsächlich so aussieht als ob wir einen historischen Beleg hätten dass Estampien auf Sackpfeifen gespielt wurden. ^^

      EDIT: Und weils so schön war...
      Die zitierte Froissart-Quelle berichtet also dass nachdem die Ménestrels mit Estampien fertig waren, die Tanz-Teilnehmer sich die Hände zum "caroler" reichten, was als "im Kreis tanzen" zu bedeuten scheint. Carols scheinen im Spätmittelalter noch keine englischen Weihnachtshymnen (wie es heute gemeinhin assoziiert wird) sondern Kreistänze gewesen zu sein. Und es passiert halt dass wir dazu auch eine Quelle haben aus 1340ern:

      British Library MS Royal 20 A XVII fol 9 (ca. 1340-1350)
      Bei einer Komplettversion des folio ist sogar in der Bild-Überschrift "a karole" zu lesen, was hier leider ausgeschnitten wurde. Die Teilnehmer fassen sich an den Händen und tanzen im Kreis, wobei der Sackpfeifer mit dem Trommler den passenden Sound besorgen.

      Und natürlich das hier:
      Hours of Jeanne de Navarre_Ms nouv acq lat 3145_Bibliotheque Nationale Paris (ca. zweite Hälfte der 1330er)

      Sackpfeifen, Estampien und Carols des Spätmittelalters alle zusammen sind :up:
      Slow equals smooth and smooth equals fast

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Gregorius ()

    • Ich war neuerdings dabei das Ensemble Les Haulz Et Les Bas für mich zu entdecken.

      Ian Harrison und Konsorten sind in der Szene der historisch informierten Aufführungspraxis so ziemlich etabliert und anerkannt, Mr. Harrison hatte auch relativ kürzlich einen Vortrag über die Sackpfeife im Mittelalter an der Schola Cantorum in Basel gehalten, an welcher er auch studiert hat. Man kann also annehmen der Mann kennt seine Quellen.

      Aus diesem Grund hat es mich sehr interessiert - welche Sackpfeifen verwendet dieses Ensemble wenn sie mittelalterliche Musik spielen?

      Es gibt vom Mr. Harrison insgesamt vier Videos wo er mittelalterliche bzw. renaissancezeitliche/barocke Melodien auf einer Sackpfeife spielt - und die ist in allen vier Fällen eine spanische Gaita gallega!

      Die Rostocker Spielpfeife steht wohl in ~GIS, das tiefste Tonloch ist doppelt und liefert einen Halbtonschritt vom G zum Gis. Die meisten archäologisch entdeckten Blockflöten aus dem 14-ten Jh. besitzen ebenfalls das Doppelloch und einen Halbton als tiefsten Intervall. Dordrechter Blockflöte steht laut o.g. Quellen in ~CIS als tiefster Ton, für den 6-Finger-Ton ergibt sich wohl ein ~D. Die Tartu-Blockflöte steht laut dieser Quelle in ~F für den 7-Loch-Griff (Seite 149), tiefster Intervall auch ein Halbton so dass der 6-Finger-Griff ein ~FIS sein müsste. Die Beschreibung seiner Rekonstruktion der Wiener Schäferpfeife von Wout Vanloffeld, die leider nicht mehr online ist, spricht ebenfalls von einem doppelten Kleinfingerloch und einem Halbtonschritt als den tiefsten Intervall, der Sechs-Finger-Ton ist bei ihm ein um 80 Cent zu tiefes G.

      Es dürfe klar sein dass das archäologische Fundmaterial aus dem Mittelalter sehr düftig und jegliche Rekonstruktion zu vage ist, wenn man aber dieses Material mit Praetorius, Mersenne und anderen späteren Quellen oder gar Artefakten vergleicht und die stimmungs-bedingten Abweichungen von modernen Standards zur Seite schiebt - es kommt einem so vor dass eben das G als Grundtonart geschichtlich gesehen bei west- und zentraleuropäischen Sackpfeifen überproportional häufig vorkommt! Für mich ergibt das alles auf jeden Fall einen Sinn, wenn man bedenkt wie verbreitet in der Folk-Szene die G-Sackpfeifen heute sind, und das nicht wegen A-Ansprüche sondern wegen der musikalischen Vielseitigkeit.

      Grundton G oder C, tiefster Intervall ein Halbton, die Wahl der Gaita in C als "Mittelalter-Sackpfeife" ist eigentlich die beste Lösung, wenn man nicht selbst werkeln oder sich mit problembehafteten Neu-Rekonstruktionen anderer plagen will.

      PS: Gibt es irgendwo eine Video bzw. Audio-Kopie des Vortragesan der Schola Cantorum von Ian Harrison über den "Dudelsack im Mittelalter"?
      Slow equals smooth and smooth equals fast

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Gregorius ()

    • Authentisch oder Plagal ?

      Was bisher geschah... ;)
      Wir haben mindestens drei Blockflöten aus dem Spätmittelalter (Dordrecht, Göttingen, Tartu) und die Rostocker Spielpfeife, die alle geographisch und zeitlich relativ nah beieinader liegen, zumindest finden sich keine Jahrhunderte oder Kontinente dazwischen. All diese Instrumente, genauso wie die Wiener Schäferpfeife, haben einen Halbtonschritt als tiefsten Intervall und ein Doppel-Tonloch als unterstes Kleinfingerloch. Die Praetorius- und die Wiener-Schäferpfeife haben außerdem kein Daumenloch, die Rostocker Spielpfeife hat eins, es bringt jedoch keine Tonerweiterung nach oben und dient offenbar nur zur Erzeugung von Halbtönen. Dieses Doppel-Tonloch-feature finden wir also zwischen dem 14ten und 18tem Jahrhundert, eine bemerkenswerte Kontinuität. Wout Vanloffeld hat dazu in seinen "Überlegungen zum Bau der Schäferpfeife" folgendes zu sagen, im Bezug auf die Wiener Schäferpfeife:

      Wout Vanloffeld schrieb:

      Eine Bemerkung am Rande noch zu dem zweiten Kleinfingerloch. Es wird immer gesagt, dieses diene dazu, dem Spieler rechts- oder linkshändiges Spiel zu ermöglichen. Das stimmt zwar, es ist aber komplizierter als das. Bei dieser Schalmei darf das zweite Loch nicht vollständig verschlossen werden, sonst stimmt der Sechs-Finger-Griff nicht, egal mit welchem Rohrblatt. Ausserdem kann man diesen Ton mit dem teilweise verschlossenen Loch stimmen, aber nicht nur den, sondern auch den darunter gelegenen Ton. Es handelt sich also um eine recht komplizierte Vorrichtung, die einige Vorteile bietet. Dieser Befund deckt sich auch mit Funden von alten, direkt angeblasenen Schalmeien, die ebenfalls nur teilweise verschlossene Doppellöcher haben. In diesem Zusammenhang können vielleicht auch die häufig in leicht unterschiedlicher Höhe angebrachten Doppellöcher betrachtet werden.
      Wenn wir die von Thomas Rezanka rekonstruierte Tonreihe der Rostocker Spielpfeife nehmen und davon ausgehen dass durch das teilweise Verschließen des linken Kleinfingerlochs mit Stimmwachs das GIS des Sechsfingertons zum G gesenkt werden könnte, hätten wir dann eine mehr oder weniger orthodoxe Tonreie einer modernen G/C-Schäferpfeife.

      Wir wissen nur nicht wo der Bordun ursprünglich war. Es gibt ja zwei Möglichkeiten, auf G oder auf C (plagal), wobei wir mal davon ausgehen dass es sich nur um einen einzigen Bordun handelt, wie es im 14 Jh. üblich war. Auch nehmen wir mal an es handelt sich um eine hypothetische konisch gebohrte Spielpfeife mit derselben Tonreihe wie die Rostocker, nur mit dem Unterschied der vollständigen Oktave nach oben vom Sechsfingerton (G) aus.

      Könnte man vielleicht den Bordun irgendwie erschließen, z.B. anhand des überlieferten Liedguts oder überlieferten musiktheoretischen Traktaten ???

      Was würden die Profis sagen?
      Slow equals smooth and smooth equals fast

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Gregorius ()

    • Ich bin kein Profi und eventuell hab ich es auch irgendwo überlesen bzw. verwechsle ich das gerade.

      Bei einem Vortrag von Thomas Rezanka hat er ein praktisches Beispiel genannt, welches den tiefsten Ton maßgeblich änderte.
      Ich glaube mich zu erinnern, dass Thomas meinte die Löcher dienen der Links/Rechts händigkeit.
      Beim Bau des Rohrblattes wird ein Stück davon "produktionsbedingt" abgeschnitten, welches dann als verlängerung der Spielpfeife unten eingeschoben werden und den tiefsten Ton um einen halbton (ganzton?) verändern kann.

      @thomasrezanka man möge mich bitte korrigieren. Habe deinen Vortrag zwar aufgenommen, aber den zu finden..... :D
      PDH - Preiset das Hümmelchen
      You know, Internet is a dangerous thing with all that sheet music out there...
    • Hej Christian!

      Das mit den beiden Kleinfingerlöchern sehe ich IMHO so, dass die für Links - oder Rechtshand-oben bzw unten so gebohrt worden sein könnten.
      Eine Verwendung als Stimmloch wäre vielleicht auch möglich.... ich denke aber eher nicht, dass das so geplant war - ist aber alles reine Spekulation.

      In der Tat kann man den tiefsten Ton verändern, indem man einen Arundo Abschnitt unten in die Spielpfeife einführt. Das funktioniert ganz gut, ich hatte das aber nur ausprobiert, da mir die Skala ohne diesem "Röhrchen zur Verlängerung" für die Stücke, die ich spielen wollte zu eng war.
      Ob man das auch zu der Zeit so machte, als die Originalspielpfeife gebaut wurde, kann ich nicht beantworten.
      Wie auch immer: Eine Rekonstruktion eines Fragmentes ohne passendes Originalrohrblatt wird immer im spekulativen Bereich bleiben.
      Man probiert eben so lange rum, bis man glaubt, dass es so gewesen sein könnte, da es aus heutiger Sicht Sinn ergibt.....

      Lg
      Th.
    • thomasrezanka schrieb:

      Eine Rekonstruktion eines Fragmentes ohne passendes Originalrohrblatt wird immer im spekulativen Bereich bleiben.
      Man probiert eben so lange rum, bis man glaubt, dass es so gewesen sein könnte, da es aus heutiger Sicht Sinn ergibt.....
      Ich glaube dass Originalquellen dabei viel helfen können...
      Ghaetta Teil 1
      Ghaetta Teil 2
      2-te Hälfte des 14 Jh., wir haben einen schriftlichen und ikonographischen Beleg dass Estampien und Kreistänze von Sackpfeifen begleitet wurden, zumindest in Westeuropa. Mit London, British Library Add. 29987 haben wir eine schriftliche Quelle aus Norditalien des späten 14 Jh./frühen 15 Jh. wo ein knappes Dutzend solcher Istampittas überliefert ist, in Form von Noten mit Notenschlüssel, so dass wir diese lesen und deuten können. Die "Ghaetta" ist ein besonders schönes Beispiel; der Tonumfang des Stückes beträgt eine None, vom tiefen E zum hohen F, der tiefste Intervall ist also ein Halbtonschritt. Der "letzter Ton des Stückes = Grundton!" - Regel folgend, sehen wir das tiefe F als letzten Ton im Teil 2, bezeichnenderweise schließt das Stück mit dem untersten Halbtonschritt ab, was eben das F als Grundton des Stückes nahe legen würde.

      Man kann aus einem einzigen Stück kaum irgendwelche Schlüsse ziehen, aber wenn man jetzt alle überlieferten Estampien zwischen 1350 und 1450 auf diese Weise überprüft, wären die Chancen doch gut für die eine oder andere Entdeckung... :) Zumindest kann man hier vorsichtig davon ausgehen dass der untere Halbtonschritt tatsächlich absichtsvoll gebraucht wurde und keine pure "Stellschraube" für den Grundton darstellt.
      Slow equals smooth and smooth equals fast
    • Die London, British Library Add. 29987 gibt acht Istampittas her, wobei drei davon einen sackpfeifentauglichen Tonumfang haben: Ghaetta (F-Oktave + kleine Untersekunde), Belicha (F-Oktave + verminderte Unterquinte) und Isabella (F-Oktave + reine Unterquarte). All diese drei Stücke enden auf F, was gemäß der "letzter Ton = Grundton" - Regel eben auf F als Grundton hinweist.

      Wenn wir nun eine hypothetische Sackpfeife konstruieren, auf welcher all diese drei Lieder spielbar wären, dann wäre es im Grunde eine galicische Gaita mit dem c ' als Sechsfingerton und f ' als Dreifingerton, welche bis zum f ' ' überblasbar sein müsste. Der Bordun wäre in F, was eine plagale Stimmung bedeutet! Tiefster Intervall wäre hier ein Halbtonschritt.

      Also doch plagal?...
      Slow equals smooth and smooth equals fast
    • Wieder eine Quelle...
      Johann Christoph Weigel lebte und wirkte im heutigen Bayern, die letzten 20 Jahre seines Lebens ( † 1726 ) verbrachte er in Nürnberg. Um 1720 wurden seine Kupferstiche im "Musikalisches Theatrum" veröffentlicht, diese Stiche zeigen verschiedenen Musikinstrumente seiner Zeit und seiner geographischen Gegend, da der gute Mann eben aus Bayern nirgendwo verreiste.
      Sackpfeifer - die Spielpfeife ist der Wiener Schäferpfeife erstaunlich ähnlich, sogar die unteren Doppellöcher sind da. Guter Hinweis zur genaueren Datierung der Wiener...
      Bockspieler - Weigel macht diesen Stich in Nürnberg, Nordbayern, nennt den Bock aber "polnisch".

      Was jetzt besonders schön ist, Weigel sticht exakt genug so dass wir auch die Fingerpositionen an den Sackpfeifen erkennen. Beim Bock sind die Finger kreuz und quer, vermutlich kannte Weigel die Griffweise nicht und griff deshalb auf die übliche "Tentakelfinger" - Konvention zurück. Bei der Schäferpfeife sehen wir aber dasselbe Bild wie anderswo; unten zu, oben auf. Der kleine Finger der rechten Hand schwebt direkt über dem Doppelloch.

      Glücklicherweise zeichnete Weigel auch andere Holzblasinstrumente, inklusive Finger der Spieler.
      Querflöte
      Oboe
      (Block)flöte

      Alle Finger sind mehr oder weniger auf den Tonlöchernzu finden, "oben auf unten zu" - Regel gilt hier auch nicht. Die schäferpfeife ist die einzige Ausnahme. Nur um meine kleine Sammlung an historischen Abbildungen weiter zu führen...
      Jan Steen, 17Jh. - wir sehen hier so ziemlich den klassischen Dreifingerton-Griff, wie er heute auf modernen G/C - Schäferpfeifen bzw. Cornemuse du Centre (16 pouce) üblich ist.

      Ich bin der bergründeten Annahme dass Schäferpfeifen historisch halbgeschlossen gegriffen wurden, zumal auch Wout Vanloffeld bei seiner Rekonstruktion erwähnte dass das Instrument sehr flexibel ist, was Griffweisen angeht. Da wir die Hinweise (!) für halbgeschlossen auf Abbildungen ("könnte so gewsen sein", nicht "war so!") bis ins 14 Jh. zurückverfolgen können, ist es plausibel anzunehmen dass dasselbe auch für die Rostocker Spielpfeife gelten könnte!

      Wie die rekonstruierte Rostocker Spielpfeife auf halbgeschlossen reagiert, das müssten wir den Thomas und Michael fragen. ^^

      PS;OT: Auf jeden Fall haben wir mal eine schöne Combo - Dreyßers "Dantz Büchlein" und Weigels "Sackpfeifer"-Kupferstich, beide um 1720, aus dem Herzen Deutschlands. Ich kenn keine anderen deutschen Quellen die ein Repertoire und die dazu gehörige Sackpfeife zeitlich und räumlich so nah aneinader bringen.
      Slow equals smooth and smooth equals fast

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Gregorius ()