Erfahrungen mit Spieltechnik auf der Marktsackpfeife

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    • sind eben rasante tanzbare Stücke. Und bestimmte Spieltechniken scheinen diesen Melodien einfach nicht zu bekommen, und das eben mehr oder weniger "eindeutig"


      Das liegt schlicht daran, dass in aller Regel echte "Tänze" bei Marktmusik viel zu schnell (und mit unter zu schlurig) gespielt werden. Mit Technik hat das erstmal wenig bis gar nichts zu tun.

      Gerade die Gaiteros sind da ein gutes Beispiel. Die schaffen es ohne Probleme "trotz" recht elaborierter Techniken tanzbar zu bleiben ;)

      "Bangen" ist nicht Tanzen! (was nicht heißt, dass es nicht geil ist!)

      "Saubere Technik" hat beim Dudelsack noch lange nix mit "Klassik" (oh welch schlimmes Wort...) zu tun!
    • Was genau findest Du da interessant? Das er genau das macht, wovon wir schon über zwei Seiten reden? Rhythmisch passend darf man prinzipiell alles und immer, außer, irgendjemand kommt und hält sich für die Polizei... Und den darf man in jeder Tradition auch mal getrost ignorieren oder ihm irgendwelche Finger zeigen... :imhoschild:
      Aber:

      Dein Beispiel zeigt einen Spieler, der es kann. Das ist mal prinzipiell Voraussetzung. Völlig instrumenten- und traditionsunabhängig!

      Edit: Wenn Du so spielen willst, dann experimentiere doch einfach mal und finde selber raus, was der da macht. Sehen tut mans ja nicht wirklich, aber ich kenne zumindest einen etablierten Spieler, der genau so "groß geworden" ist.
      Musst halt ne Gaita nehmen und darfst wirklich nicht erwarten, dass das auf dem Marktsack dann genauso klingt...

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Arno ()

    • Also klingen tut es für mich wie ein Birl ab 5:11.

      Edit: Wenn Du so spielen willst, dann experimentiere doch einfach mal und finde selber raus, was der da macht. Sehen tut mans ja nicht wirklich, aber ich kenne zumindest einen etablierten Spieler, der genau so "groß geworden" ist.


      Christoph Pelgen schreibt in einem seiner Notenbücher dass er es genau so gemacht hat. Ausprobiert bis es so klang wie auf den vorhandenen CD's. ;)
      PDH - Preiset das Hümmelchen
      You know, Internet is a dangerous thing with all that sheet music out there...
    • Also für mich klingt das ab 5:11 wie ein Grip

      Aber zum Thema. Ich spiele zwar noch nicht so lange, aber ich bin der Meinung, dass es bei Verzierungen kein Richtig und kein Falsch gibt, solange es Musikalisch noch gut klingt. Nur ist es oft zu hören, dass viele Marktsacker schnell zu spielen als musikalisch und gut betrachten. Es gibt Verzierungen wie ein Throw on D, die eine Note stark hervorheben, oder wenn er schlecht eingesetzt wird, einfach mal die Note komplett verschwinden lässt. Ich habe zwar selber noch kein Throw on D in nem Marktsackstück eingebaut. Aber wenn es wo passen sollte und die Rythmik des Stückes nicht zerstört wird und es im großen und ganzen klingt. Warum denn auch nicht? ^^

      Trotzdem bin ich der Meinung: Oft ist weniger, mehr.
      Lieber trage ich ein Stück musikalisch gut vor und mit wenigen Verzierungen, als ein Stück mit Verzierungen zu zukleistern, wie ichs oft auf Märkten höre, wo nichtmal eine konstante Notenlänge gewart werden kann. :D
    • Arno schrieb:

      Was genau findest Du da interessant?

      Einfach die Tatsache dass diese spezielle Technik dermaßen uneindeutig klingt dass jeder darin etwas anderes erkennt:

      subi schrieb:

      Also klingen tut es für mich wie ein Birl ab 5:11.

      DrStalker schrieb:

      Also für mich klingt das ab 5:11 wie ein Grip

      ... ein Mysterium! :D

      DrStalker schrieb:

      Nur ist es oft zu hören, dass viele Marktsacker schnell zu spielen als musikalisch und gut betrachten.... Oft ist weniger, mehr. Lieber trage ich ein Stück musikalisch gut vor und mit wenigen Verzierungen, als ein Stück mit Verzierungen zu zukleistern, wie ichs oft auf Märkten höre

      Ich hatte immer den Eindruck dass sehr schnelles Spielen perfekt dazu geeignet ist Spieltechnik unter den Tisch fallen zu lassen, denn da reicht nicht einmal die die Zeit für einfache Vorschlagnoten. Ein persönliches Erlebnis mit "zugekleisterten" Stücken fällt mir aber jetzt spontan nicht ein...
      Listen to the Phat Bass!
    • Was mich bei diesem Thema interessieren würde:

      Gibt es ein zu empfehlendes Buch zu diesem Thema(idealerweise für Hümmelchen anwendbar)? Am besten mit konkreten Anwendungsbeispielen. Ich tue mich nämlich verdammt schwer mit Verzierungen (klassische Ausbildung nach dem Motto "spiel nur das was auf dem Papier steht" + wenig musikalisches Talent) und bin bisher noch nicht rein gekommen.

      [Sollte das am Thema vorbei sein den Post einfach löschen, ich öffne dann einen neuen Thread.]
    • hummelfant schrieb:

      Gibt es ein zu empfehlendes Buch zu diesem Thema(idealerweise für Hümmelchen anwendbar)? Am besten mit konkreten Anwendungsbeispielen. Ich tue mich nämlich verdammt schwer mit Verzierungen (klassische Ausbildung nach dem Motto "spiel nur das was auf dem Papier steht" + wenig musikalisches Talent) und bin bisher noch nicht rein gekommen.


      Es gibt in jedem Buch zum Dudelsack Noten, in denen die verschiedenen Verzierungen ausnotiert sind. Die sind zwar nicht speziell für Hümmelchen, aber man kann ja die Töne "nachahmen". Manches geht viel schwerer mit einem offen gegriffenen Hümmelchen, weil einige Verzierungen aus der jeweiligen Griffweise enstanden sind.

      Wenn du allerdings eine "klassische" Aubildung hast, solltest du z.B. Vorschlagsnoten, Triller, Mordent, Pralltriller, Doppelschlag oder Nachschläge kennen. Die sind bei "klassischer" Musik von einem Komponisten da hingeschrieben worden, jetzt muss man sie halt selber nach Geschmack einsetzen. Manche Dudelsackverzierungen sind identisch mit diesen Verzierungen, manche haben einen identischen Hintergrund, klingen auf Grund der Griffweise nur anders.
      Gruß,
      Kristof

      folk.jankristofschliep.com
      jankristofschliep.com

      ____________________________

      Wird man einem Dudelsack vorgestellt,
      so redet man ihn selbstverständlich so
      lange mit "Siedelsack" an, bis einem
      offiziell das "Du" angeboten wird!


      :rofl:
    • Ich musste neulich feststellen dass auf sackpfeifenbau.de das Thema der Marktsack-Spieltechnik schon relativ früh abgehandelt wurde:
      sackpfeifenbau.de/cgi-bin/xps/…op=disp&num=1657&start=15
      Der Beitrag von Franz (RagnaroeK) bestätigt meine eigenen Beobachtungen, und auch anderswo sind mit bisher keine Marktbands oder Marktsacker begegnet, welche GHB-Spieltechnik oder bulgarische Gaida-Spielweise direkt auf den Marktsack übertragen. Es gibt sicherlich hier und dort einige Elemente, aber der Beitrag der GHB's, Böcke und Kaba Gaidas zum Marktsackspiel ist meiner Erkenntnis nach relativ gering. Dafür sind Elemente der irischen, französischen und spanischen Dudelsack-Spielweise sehr wohl präsent und anwendbar.

      Will damit sagen - Spieltechnik ist zwar Geschmackssache, es gibt eine ganze Menge "was geht", aber es ist in der Praxis ein Trend feststellbar welcher eben zu bestimmten Grundtechniken tendiert, die sich in den letzten 30 Jahren klanglich und stilistisch bewährt haben. Hab den Eingangspost nochmal editiert bzw. auf den neuesten Stand gebracht.

      Was mit aber immer noch fehlt ist der Picotage! Wenn einer der hier Mitlesenden mir erklären konnte was das ist und wie man es anständig spielt, wäre ich sehr dankbar. <3

      Mal ein spontaner Themawechsel...

      Es wird immer wieder gesagt dass die Schotten sehr spieltechnikreich und elaboriert spielen. Wenn wir aber zwei besonders elaboriert klingende typische GHB-Tunes nehmen, und die dort ausnotierten Spieltechniken einfach abzählen ( den ganzen "Fliegendreck" ;) ), ergibt sich etwas Interessantes. Die verschiedenen Doublings sind im Grunde ein-und diesselbe Technik, deswegen fasse ich an der Stelle alle Doublings einfach mal zusammen:

      Itchy Fingers - Vorschläge, Doublings, Slur on D, Birl
      Scotland The Brave - Vorschläge, Taorluath, Doublings, The Grip, Throw on D
      Pibroch of Donald Dubh - Vorschläge, Doublings, Throw on D, The Grip

      Es sind SIEBEN verschiedene Spieltechniken, wobei die verschiedenen Doublings und Vorschläge (Gracenotes) die am häufigsten verwendete Technik darstellen. Dieser Umstand bestätigt mich in meiner Meinung, dass es nicht darauf ankommt eine Haufen verschiedener Spieltechniken mit exotischen Namen zu beherschen, sondern darum ein halbes Dutzend relativ bekannter und erprobter Techniken gekonnt und flexibel einzusetzen. Die Menge der Spieltechniken, welche für den Marktsack als besonders geeignet scheinen, sind laut Eingangspost NEUN an der Zahl.

      Der Fantasie und Kombinationslust sind da keine Grenzen gesetzt. ;)

      Gregorius
      Listen to the Phat Bass!
    • Picotage, (die - meines Erachtens): Vorhalt von unten - Hauptnote - Rappel auf G (bei Schäferpfeife, vermutlich A auf dem Marktsack?) Quelle: "Dudelsack spielen", Bernard Boulanger, Verlag der Spielleute

      Notenbeispiel (selbstgeschrieben)



      Wer sehen möchte, wie ich Rappel-R's in ABC schreibe: Dies ist der Code für die 4-5 Noten
      G {d/} e "@R"x c


      Gregorius schrieb:

      Es sind SIEBEN verschiedene Spieltechniken, wobei die verschiedenen Doublings und Vorschläge (Gracenotes) die am häufigsten verwendete Technik darstellen.
      "Gracenotes" ist der englische Begriff für alle Arten von Verzierungen in der Musik, nicht nur für Vorschläge.
      Gruß,
      Kristof

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      Wird man einem Dudelsack vorgestellt,
      so redet man ihn selbstverständlich so
      lange mit "Siedelsack" an, bis einem
      offiziell das "Du" angeboten wird!


      :rofl:
    • Neue Tradition?

      Mal was richtig Kontroverses.... :D

      Der Marktsack wurde in Deutschland Anfang 1980er Jahre erfunden und seitdem gebaut, und zwar oft von Leuten die einfach mal ins Blaue hinein gebastelt haben bis was Anständiges raus kam. Bestes Beispiel - Jens Güntzel. Seine Marktsäcke sind die "benchmark" schlechthin, am meisten in der Marktszene verbreitet. Sowohl die Rohrblätter als auch Mensur und visuelles Design sind eine komplette Eigenentwicklung von Jens, was übrigens auch auf andere "alteingesessene" Marktsackbauer mal mehr mal weniger zutrifft. Diese neuerfundenen Sackpfeifen wurden von tausenden von Individuen erworben, welche vom Sackpfeifenspiel keine Ahnung hatten, sie kauften das Ding und dudelten einfach drauf los, so wie es in deren Ohren am besten klang. Dabei ließen sie sich von den Spieltechniken anderer Sackpfeifentraditionen inspirieren, wobei sich nach und nach ein MA-typisches Spieltechnik-Muster herauskristallisert hat.

      Marktsack wurde im Volk erfunden und wird vom Volk so gespielt wie's dem Volk gefällt, ohne nenneswerte musik-akademische Einflüsse. Macht das den Marktsack nicht zu einem Volksinstrument im eigentlichen Sinne?

      Es werden bestimmt einige empört erwidern, wie kann man das schiefe Marktgetröt als "Volkskunst" bezeichnen... Nun, war es nicht der Michael Praetorius selbst, der sich über das fehlende Daumenloch und die schiefen Töne der Schäferpfeife in den 1610ern aufgeregt hat? Der Iain Dall chanter schlägt in diesselbe Bresche mit seinem "schiefen" D. Der Konflikt zwischen hochgelehrten Musikern und Volksgeschmack scheint also in der Tat zeitlos zu sein. ;) Wie man auch dazu stehen mag, wir beobachten gerade einen seltenen Prozess der spontanen und dynamischen Entstehung einer Musizierpraxis, die es so noch nie gegeben hat und die auf keine bestehenden Tradition innerhalb des deutschen Sprachraumes zurückgreifen kann. Wie lang diese bestehen bleibt und welche qualitative Auspägung diese annimmt, kann man von vornherein nie wissen.

      Nun, der kontroverse Teil.

      Im Netz begegnet man immer wieder der Aussage dass die Schäferpfeife doch ganz anders als der Marktsack gespielt wird und man deshalb auf Studium von B. Boulanger angewiesen ist. Nun, wenn man französische Musik auf zentralfranzösischen Dudelsäcken spielen will, ist Boulanger und damit verbundener Unterricht in der Tat einfach unumgänglich. Dasselbe gilt für GHB und Pibroch. Was die historische Schäferpfeife angeht, wissen wir absolut gar nichts über die originale historische Spielpraxis, von der Spieltechnik ganz zu schweigen! Die Orientierung der heutigen Schäferpfeifen-Spielpraxis und -technik an Zentralfrankreich basiert im Grunde auf der Tatsache dass die die Spielpfeife der SP mehr oder weniger baugleich ist mit jener der Cornemuse du Centre. Aus musikhistorischer Sicht ist die Übertragung der modernen französischen Spielpraxis und -technik auf die Schäferpfeife jedoch rein spekulativ, man orientiert sich an dem was halt gerade da ist.

      Die Marktsackspieler hatten in den letzten 35 Jahren viele Kontakte zu anderen Sackpfeifentraditionen aus Irland, Bulgarien, Schottland, Spanien, Frankreich, nur um einige zu nennen. Interessanterweise hat bisher kein direktes Kopieren der Spieltechniken oder Vorführungstraditionen stattgefunden; ich bin fleißiger Marktgänger seit über einem Jahrzehnt, habe unzählige Live-Auftritte, MA-Videos und Tracks gehört/gesehen, und kann bestätigen dass Vorschlagnoten, Triller und Vibrati als Hauptspieltechniken das deutsche Marktsackspiel eindeutig dominieren. Rolls und Doublings sind ebenfalls als fortgeschrittene Alternativen zu einfachen Vorschlägen relativ weit verbreitet. Das führt auch zu einem Klangbild was weder schottisch noch bulgarisch oder französisch ist, eben "deutsches Marktgetröt" mit vielen Pralltrillern und "Finger-Gewedel" :D Ein wunderbares Klangbeispiel findet sich HIER
      Ich bin der begründeten Meinung dass die Spielpraxis und-technik jeder Sackpfeifentradition nicht darauf basiert "was so alles geht" sondern auf dem Geschmack der jeweiligen Ethnie bzw. Kultur. Man kann auf dem geschlossen gegriffenen Bock schottische Spieltechnik wunderbar adaptieren, man kann irische Tunes samt Spieltechnik auch auf der japanischen Shakuhachi-Flöte hinkriegen, die Frage ist - muss man das?? Wenn also die Marktdudler über 30 jahre hinweg ein bestimmtes Repertoire an Spieltechnik bevorzugen, weil dieses in das von Spielern und Zuhörern aus Deutschland (bewusst oder unbewusst) bevorzugte Klangbild passt, dann ist das grundsätzlich "Volksgeschmack".

      Historische Spieltechniken und Musizierpraxis für die Schäferpfeife sind unwiderbringlich verloren, das einzige was wir nun tun können ist Ersatz beschaffen, und eben dieser ist gerade fleißig beim Wachsen, auf demselben Boden im denselben ethnischen Kreis auf genau diesselbe Art und Weise wie die bisherige und leider ausgestorbene Sackpfeifentradition der historischen Schäferpfeife. Es ist bereits soweit dass wir hier in Deutschland auf unseren frisch gezüchteten Marktsäcken ein Klangbild erzeugen, was es so nicht anderswo gibt. Es ist es wert weiter entwickelt und gepflegt zu werden!!

      Ich spiele Marktsack als Rauschpfeife, Hümmelchen und Schäferpfeife mit ein- und denselben marktsacktypischen Spieltechnik. Die Schäferpfeife wie das Hümmelchen vertragen diese ohne zu mucken. Von daher stellt sich mir die Frage, ob die heutige Rekonstruktion der Schäferpfeife tatsächlich so viel "anders" ist als der Marktsack und unbedingt französisch gespielt werden "muss".

      :imhoschild:

      Grüße
      Listen to the Phat Bass!
    • Ich denke nicht, dass das Instrument die Spieltechniken bestimmt - zumindest, soweit sich diese darauf gut anhören. Wenn wir den Gedankengang "Schäferpfeife -französische Basis - Boulanger" konsequent weiterverfolgen, würden wir tatsächlich bei einer sehr schottischen Sichtweise landen: festgelegte Spieltechniken, die abzuwandeln ein unkorrektes Spiel bedeutet. So spannend ich GHB-Musik auch selbst finde, diesen Einschränkungen würde sich doch niemand unterwerfen wollen.

      Ich glaube, dass gerade der Mix unterschiedlicher Herangehensweisen und Stile die Schäferpfeife so interessant macht. Vergleichen wir z.B. einmal das Spiel von Christoph Pelgen, Ralf Gehler, Matthias Branschke und Sepp Pichler miteinander - jedes für sich hervorragend, aber durch unterschiedliche Schwerpunkte in der Technikanwendung (wobei wir durchaus von denselben grundlegenden Techniken reden) doch extrem unterschiedlich. Und wenn wir wirklich zu den Zentralfranzosen gehen, treffen wir beispielsweise auf Julien Cartonnet, der seit Kindertagen französischen Dudelsack spielt, stilistisch aber auch starke UP-Einflüsse hat (siehe auch hier).

      Wenn du schreibst, dass sich irische Musik auch auf einer japanischen Flöte machen lässt, finde ich das nicht schlimm, sondern eher spannend - man höre sich nur "The Chieftains in China" an. Vor einer Crossover-Beliebigkeit muss man aber meines Erachtens keine Angst haben, denn einerseits heißt Crossover ja nicht, traditionell Bewährtes aufzugeben, andererseits sind irgendwann auch klangliche und technische Grenzen des Instruments erreicht: manchmal hört sich ein Instrument einfach am Besten mit der Musik an, für die es gebaut wurde.

      Also nein - ich glaube nicht, dass eine Schäferpfeife französisch nach Boulanger-Definition gespielt werden muss. EDIT: und ja, warum nicht wie ein Marktsack? Wenn's schön macht und klingt... :) Muss aber auch nicht zwingend sein.
      Planung ersetzt den Zufall durch den Irrtum.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Andreas ()

    • Also, grundsätzlich mal:

      Ich halte es für falsch, dass der Marktsack für irgendeine spezielle Art von Musik entwickelt wurde. Eher für eine spezielle Art der Anwendung. Das ist ein wichtiger Unterschied. Es ging dabei um "laut" und am Rande noch etwas um eine allgemeinverträgliche Intonation (440 Hz) und das wars auch schon.
      Alles weitere hat sich dann daraus entwickelt bzw. ist nach wie vor in der Entwicklung voll drin. In den letzten 10 Jahren hat sich unglaublich viel getan auf diesem Gebiet. Es gibt einige neue Hersteller, die Technisch weiter entwickeln (Stichworte sind Chromatik und Zuverlässigkeit, Allen voran). Und es gibt eine kleine Handvoll versierter Musiker, die adäquaten Unterricht anbieten, der auch in Anspruch genommen wird und sogar deutlich unterschiedliche Stile erkennen lässt. Bestes Beispiel ist wahrscheinlich Thomas Zöller mit einer sehr schottisch angehauchten Richtung. Da das Alles erst so richtig im Entstehen begriffen ist, halte ich es für deutlich verfrüht für irgendwelche "Privatkopf-Statistiken" ;)

      Meine persönliche Meinung dazu, wohin sich der Marktsack entwickeln sollte:

      Ich habe keine. Alles darf, nichts muss.
      Der Rest ist Geschmacksache. Ich persönlich gehöre zu denen, die durchaus nach dem Motto "Weniger ist Mehr" leben (Spieltechnisch, beim Marktsack), aber ich werde niemandem vorschreiben, wie er das zu handhaben hat.

      In diesem Sinne weiterhin frohes Pfeifen! Ich bin und bleibe einfach gespannt, was noch alles kommen mag. :)
    • Gregorius schrieb:

      Marktsack wurde im Volk erfunden und wird vom Volk so gespielt wie's dem Volk gefällt, ohne nenneswerte musik-akademische Einflüsse. Macht das den Marktsack nicht zu einem Volksinstrument im eigentlichen Sinne?
      Die doch überschaubare Gruppe der „Marktmusiker“ und der Rezipienten ihrer Musik - nennen wir sie mal „Marktbesucher“ - zu „völkischer“ Größe aufzupusten ist schon mehr als gewagt. Wenn es um die schlichte Verbreitung des Instruments geht, bleibt der Marktsack ein absolutes Exoteninstrument, auch wenn man selbst als Teil der Szene das mitunter übersieht. Mag sein, dass er mittlerweile nach der Highland Pipe hier zu Lande die zweithäufigste Sackpfeifenart ist, aber das macht ihn noch längst nicht zu einem Volksinstrument. Auch in Ländern mit weiter zurückreichenden Sackpfeifentraditionen bleiben die Instrumente i.d.R. Exoten, die im „Volk“ mitunter nahezu unbekannt sind.

      Wenn der Marktsack in dreihundert Jahren immer noch populär sein sollte und wir dann von einer tradierten Spielweise und einem tradierten Repertoire sprechen können würden und er außerdem einen Platz auch außerhalb der Mittelalterszene gefunden haben sollte, dann könnte man über seine Stellung noch einmal diskutieren. Bis dahin stelle ich zum einen die Behauptung auf, dass der Turntable hierzulande weiter verbreitet ist, als die Sackpfeife. Ist er deshalb ein Volksinstrument?
      Zum anderen könnte ich deine These sofort unterschreiben, wenn man „Volk“ durch „Marktvolk“ oder von mir aus "Mittelalter"-Fan ersetzt. Alles andere bleibt schlicht abstrus.

      Außerdem sollte man beachten, dass Volksinstrumente und ihre Musik üblicherweise eine gesellschaftliche Funktion innerhalb einer Ethnie erfüllen und zu gewissen Anlässen gespielt werden, die über die reine Unterhaltung hinaus gehen. Das sehe ich beim „Marktsack“ bislang noch nicht.

      Auch stelle ich bislang nicht fest, dass sich eine typische Spielweise beim Marktsack herauskristallisierte hätte, die in irgendeiner Weise originär mit diesem Instrument in Verbindung gebracht werden kann. Gewisse Spieltechniken sind bei Sackpfeifen universell, etwa Trennnoten (egal ob sie über oder unter der Melodienote liegen), um Tonrepetitionen überhaupt zu ermöglichen.

      Auch Doublings machen nichts anderes, sie „verdoppeln“ schlicht eine Melodienote, Rolls oder „g-d-e grace notes“ ermöglichen dreifache Tonrepetitionen. Als Klangeffekte dienen diese Techniken natürlich auch dem Ausdruck auf einem Dauertoninstrument mit sehr begrenzten (eigen-) dynamischen Möglichkeiten. Auch Triller und Vibrato sind ein universelles Ausdrucksmittel auf sehr vielen Instrumenten. Pralltriller finden sich z.B. auch in bretonischer Musik, eben so das Vibrato. Bei den Schotten ist ein Doubling auf F zufälligerweise auch nichts anderes, als ein Pralltriller.

      Wie in diesem Forum schon des Öfteren diskutiert wurde, ist der geschickte Umgang mit Tonlängen, Rhythmus und Tempo bei der Sackpfeife genau so wichtig - wenn nicht noch wichtiger - als das Beherrschen bestimmter Spieltechniken. Was nützt die abgefahrenste Spieltechnik, wenn sie den Groove nicht unterstützt? Siehe beispielsweise die moderne und wettbewerbsorientierte Spielpraxis beim Piobaireachd: Spieltechnisch und mnemonisch / in Bezug auf die Gedächtnisleistung absolut bewundernswert jedoch Groove gleich Null.

      Gregorius schrieb:

      Nun, war es nicht der Michael Praetorius selbst, der sich über das fehlende Daumenloch und die schiefen Töne der Schäferpfeife in den 1610ern aufgeregt hat? Der Iain Dall chanter schlägt in diesselbe Bresche mit seinem "schiefen" D.
      Zu den Bemerkungen von Michael Praetorius: Ist bekannt, wer seine Informanten waren? Welche Instrumente er in Augenschein nehmen oder gar selbst hören konnte und von wem diese gespielt wurden? Wir wissen dazu rein gar nichts. Seine Aussagen zum fehlenden Daumenloch bei der Schäferpfeife sind unter diesen Gesichtspunkten nicht viel wert. Auch die Spielpfeife des Biniou hat - wie auch die Bombarde - kein Daumenloch. Dass er die Schäferpfeife aufgrund des fehlenden Daumenlochs als „in den obern Löchern meistetheils falsch“ [sic] bezeichnet, sollte doch skeptisch machen. Ein Daumenloch beeinflusst i.d.R. nur einen Ton. Meist die Oktave, in seltenen Fällen, wie bei der katalanischen Gralla auch mal die Septime, jedoch keine weiteren, tieferliegenden Töne.

      Zum Iain Dall Chanter und der erhöhten Quarte: Die erhöhte Quarte, die für den Iain Dall Chanter nachgewiesen wurde lässt sich als Stimmpraxis für die Highland Pipe bis in die 1980er Jahre nachweisen und entsprach damit über Jahrhunderte dem gängigen Klangideal, bis man sich immer mehr der reinen Stimmung angenähert hat. Die erhöhte Quarte ist übrigens nicht so seltsam, wie sie auf den ersten Blick für uns erscheinen mag. So entspricht ihre Abweichung exakt dem 11. Oberton des Grundtons des Bassborduns. Auch in Norwegen pflegt man noch heute eine Stimmpraxis mit zur reinen Stimmung abweichenden Intervallen. Wie früher in Schottland weicht hier nicht nur die Quarte von der reinen Stimmung ab, sondern auch Terzen, Sexten und Septimen (Barnaby Brown, The Iain Dall Chanter, in: Joshua Dickson (Hg.) The Highland Bagpipe, Surrey 2009, S. 25-46)

      Wie dem auch sei, der Marktsack ist eine spannende musikalische Entwicklung und bietet als Musikinstrument noch viele Möglichkeiten, die noch längst nicht voll ausgeschöpft wurden. Gerade die Freiheiten in Bezug auf Spieltechniken und auf das Repertoire sind eine feine Sache und wer sich für andere Sackpfeifentraditionen interessiert kann nach belieben mit dem Marktsack in anderen Gefilden wildern…

      In diesem Sinne wünsche ich auch allen weiterhin frohes Musizieren!
      Die Sackpfeifenschule in Hamburg

      Tha mo bhàta-foluaimein loma-làn easgannan !
    • Timo schrieb:

      Die doch überschaubare Gruppe der „Marktmusiker“ und der Rezipienten ihrer Musik - nennen wir sie mal „Marktbesucher“ - zu „völkischer“ Größe aufzupusten ist schon mehr als gewagt. Wenn es um die schlichte Verbreitung des Instruments geht, bleibt der Marktsack ein absolutes Exoteninstrument,
      ... Wenn der Marktsack in dreihundert Jahren immer noch populär sein sollte und wir dann von einer tradierten Spielweise und einem tradierten Repertoire sprechen können würden und er außerdem einen Platz auch außerhalb der Mittelalterszene gefunden haben sollte, dann könnte man über seine Stellung noch einmal diskutieren.
      Es kommt darauf an wie man "Volksinstrument" definiert. Es gibt genug, als solche allgemein anerkannte, "Volks"instrumente, die sowohl eine beschränkte Anzahl der Spieler und Zuhörer besitzen und auch gar nicht so alt sind. Akkordeon und Tin Whistle sind zwei der bekanntesten Beispiele - erfunden und entwickelt so um 1820er, sind diese beiden aus deutscher bzw. irischer Folk-Praxis nicht weg zu denken, trotz fehlender 300-jähriger Tradition und speziell für diese Instrumente erdachten und tradierten Repertoire.

      In meinem Sinne ist "Volksinstrument" das, was in der deutschen Bevölkerung, regional oder bundesweit, vereinzelt oder en masse, erfunden, gebaut und gespielt wird. Um beim Akkordeon zu bleiben; zwar gibt es in Dtl. bedeutend mehr Akkordeonspieler als Marktsacker, es ist jedoch die Gitarre, dessen Verbreitung tatasächlich eine "völkische Größe" darstellt. Dennoch ist es der gute nur 190 Jahre alte Akkordeon, der als Volksinstrument eher anerkannt wird als die 08/15 Akustikgitarre mit Verstärker, die vielleicht jeder vierte Deutsche zu Hause hat.

      Ich glaube nicht dass der Marktsack mega-verbreitet sein und 300 Jahre auf dem Buckel haben soll, damit er als Volksinstrument gelten kann.

      Timo schrieb:

      Zu den Bemerkungen von Michael Praetorius: Ist bekannt, wer seine Informanten waren? Welche Instrumente er in Augenschein nehmen oder gar selbst hören konnte und von wem diese gespielt wurden? Wir wissen dazu rein gar nichts. Seine Aussagen zum fehlenden Daumenloch bei der Schäferpfeife sind unter diesen Gesichtspunkten nicht viel wert.
      Der Sackpfeifenbauer Wout Vanloffeld hat die Wiener Schäferpfeife nach den ihm vorliegenden Plänen nachgebaut, seine Rekonstruktion hatte den Effekt der oberen schiefen Töne ebenfalls, die er als "gleitende Quarte" bezeichnet. Der Artikel von ihm ist leider nicht mehr online. Damit hätten wir eine durchaus brauchbare Bestätigung der prätorius'schen Beschreibung.


      Timo schrieb:

      Auch stelle ich bislang nicht fest, dass sich eine typische Spielweise beim Marktsack herauskristallisierte hätte, die in irgendeiner Weise originär mit diesem Instrument in Verbindung gebracht werden kann.
      Die Spieltechniken sind in der Tat größtenteils universell, durch die gezielte Wahl und Kombination dieser kann jedoch ein bestimmtes Klangbild erzeugt werden. Eben diese Auswahl bezeichne ich als "Spielweise".

      Grüße!
      Listen to the Phat Bass!