Ist der Mittelalter-Boom zu Ende?

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    • Blooddigger schrieb:

      Ich finde es irgendwie immer kritisch, wenn man unterstellt, alle Menschen einer Generation würden gleich ticken. GenX tickt so, GenY tickt so, Baby Boomer ticken so etc., ganz so, als wären alle Menschen einer Generation gleich, hätten die gleichen Wertvorstellungen und dieselbe Haltung. Das ist ein Schubladendenken, das eigentlich niemandem weiterhilft und keinen konkreten Nutzen hat - zumal dann, wenn man es nur vom Geburtsjahr abhängig macht. Das ist doch irgendwie eine arge Vereinfachung der Welt. Aber vielleicht ist das so ein Ding der Pädagogen, die sich auf diese Art versuchen, die Welt zu erklären. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass die Welt deutlich komplexer ist und dass man mit einfachen Erklärungsmustern nicht weit kommt.
      Und das sage ich jetzt ohne jeglichen Sarkasmus oder Ironie; wenn jemand glaubt dass die Prägung der Menschen durch ihre jeweilige generationsspezifische Lebenswelt überschätzt wird, und zwar konkret in Bezug auf Kunst, Musik & Lebensgefühl (denn es geht hier genau darum, nur um diese bestimmte Bereiche) - ich würde da ohne zu zögern eine fachliche Debatte beginnen und mich eines Besseren belehren lassen! Vielleicht gibt es neue Daten, neue Studien, Untersuchungen, von denen ich bisher wenig mitbekommen habe. Anstatt wie eine "beleidigte Leberwurst" da zu stehen da die Leute ja "meine Fachkompetenz infrage gestellt haben," ziehe ich es vor meinen eigenen Wissensstand immer als unvolständig zu betrachten und offen für neues Wissen zu sein.

      In Bezug auf:

      Blooddigger schrieb:

      Was du über MA-Bands sagst, ist ja genau das, was ich oben geschrieben habe. Viele MA-Bands versuchen auf Böhse Onkelz zu machen - freilich mit Dudelsäcken und Schalmeien. Und das kommt offenbar gut an, und zwar über alle Generationen hinweg.
      ... möchte ich anmerken, dass ich seit über 12 Jahren im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit tätig bin, was heißen soll die Bedürfnisse, das Lebensgefühl und der Musikgeschmack meines Klientels sind genau mein Fachgebiet und meine berufliche Aufgabe. Dadurch meine ich schon etwas darüber zu wissen was die ab dem Jahr 2000 Geborenen so alles hören, selber spielen/singen wollen und womit sie ihr Lebensgefühl ausdrücken. Und dazu gehören in meinem bisherigen Arbeitsbereich weder Punk noch "Onkels" dazu, ob jetzt klassisch oder in MA-Form, zumindest in den drei Regionen (Sachsen und NRW), wo ich bisher gearbeitet habe.

      Aber hier kommt's. Es kann ja sein dass es Regionen gibt wo die Jugend immer noch voll auf Punk und "Onkels" abfährt, dann würde ich natürlich sehr gern wissen wo das ist. Ist ja durchaus möglich, und man soll diese Möglichkeit nicht von vornherein ausschließen. Hier, in meinem Arbeitsbereich, trifft das "Onkelz-Style kommt bei allen Generationen durchweg gut an" definitiv nicht zu.
      Slow equals smooth and smooth equals fast
    • Ich wollte hier niemanden beleidigen oder angreifen - um Himmels Willen. Falls das nicht so rüber kam: Dickes Sorry!

      Mir fällt nur hin und wieder auf, dass immer wieder versucht wird, die Welt und die Menschen zu kategorisieren und ich denke einfach, dass das nicht funktioniert, weil die Welt einfach komplex ist.

      Ich bin in der brandenburgischen Provinz aufgewachsen und nahezu jeder Jugendliche dort hat sowas wie Onkelz oder eben auch Punk gehört (vereinzelt auch Hiphop oder ähnliches). Der Renner war eben auch Punk - halt eben alles, was unangepasst ist. Und wie meine Verwandten mir berichten, ist das auch heute noch so.

      Ich hab dann einige Zeit in der schwarzwälder Provinz gelebt und festgestellt, dass der Musikgeschmack dahingehend variiert, wie nahe die nächste Großstadt ist. Ist sie weiter weg, hört man Mainstreamkram, ist sie aber in der Nähe, hört man Metal oder Hiphop. Finde ich persönlich sehr spannend. In Großstädten gibt es Szeneclubs und die prägen dann auch die Jugend in der näheren Peripherie mit (so zumindest mein Eindruck). Ist jede Art von Szene weit entfernt, gibt es auch nichts, was dahingehend prägt.

      Hinzu kommt auch, dass du die Welt durch die Pädagogenbrille siehst (das meine ich nicht abwertend!). Keiner der Jugendlichen, mit denen ich zu tun hatte, hatte in irgendeiner Form mit Pädagogen zu tun. Sind die Kinder und Jugendlichen, mit denen du arbeitest, irgendwie "besonders" (im Sinne von schwer erziehbar o.ä.) oder bilden sie tatsächlich einen Querschnitt der Gesellschaft ab?
    • Vorab ich bin ganz neu in der Szene und habe keine Ahnung von Mittelaltermärkten aus der Sicht des Veranstalters und lasse nur meine Gedanken als noch sehr junger Mensch in die Disskusion fließen.

      Blooddigger schrieb:

      Ich finde es irgendwie immer kritisch, wenn man unterstellt, alle Menschen einer Generation würden gleich ticken. GenX tickt so, GenY tickt so, Baby Boomer ticken so etc., ganz so, als wären alle Menschen einer Generation gleich, hätten die gleichen Wertvorstellungen und dieselbe Haltung. Das ist ein Schubladendenken, das eigentlich niemandem weiterhilft und keinen konkreten Nutzen hat - zumal dann, wenn man es nur vom Geburtsjahr abhängig macht. Das ist doch irgendwie eine arge Vereinfachung der Welt. Aber vielleicht ist das so ein Ding der Pädagogen, die sich auf diese Art versuchen, die Welt zu erklären. Aus eigener Erfahrung weiß ich aber, dass die Welt deutlich komplexer ist und dass man mit einfachen Erklärungsmustern nicht weit kommt.

      Was du über MA-Bands sagst, ist ja genau das, was ich oben geschrieben habe. Viele MA-Bands versuchen auf Böhse Onkelz zu machen - freilich mit Dudelsäcken und Schalmeien. Und das kommt offenbar gut an, und zwar über alle Generationen hinweg. Ob man das als Folkmusiker gut findet, ist wieder eine andere Frage.
      Ich selbst würde von mir nicht behaupten, dass ich ein typischer Vertreter meiner Generation bin, aber bestimmt >75% (ganz unwissenschaftliche Schätzung) meiner Mitschüler sind vom Grundverhalten schon typische Vertreter. Ich hab bisher mit meinen wenigen Lebensjahren die Erfahrung gemacht, dass wenn man grobe, aber konkrete Lösungsvorgänge braucht, muss man sich die Welt vereinfachen. Wir haben einfach nicht das Denkvermögen und die Vorstellungskraft für jede Person eine angepasste "Werbung" zu machen. (So auch in den Naturwissenschaften, wir brauchen Modelle um uns komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen)

      Wenn ich mir Beispielsweise meine Stufe ansehe, arbeiten (ich hab tatsächlich mal nachgezählt und ein bisschen rumgefragt) ca. 70% ausschließlich mit Internetquellen und vorallem mit Videos auch wenn es um tiefergehende Recherchen geht. Ich erinnere mich an die ersten Referate nach dem ersten Lockdown 2020, da gab es tatsächlich Leute die auschließlich YouTube als Quelle genutzt haben.

      Daher finde ich den Gedankengang von @George super.

      George schrieb:

      Daraus lassen sich Lösungsvorschläge ableiten.
      Wenn z.B. die Naturensöhne auf YouTube anfangen für ihr "Schlingelcamp" Tongeschirr nach der Art der Linienbandkeramik zu fertigen, dann werden sie damit Millionenpublikum erreichen und dieses Stückchen Wissen breiter streuen als jegliche Fachzeitschrift. Die sog. "Reactions" der Fachleute auf Serien & Filme in Bezug auf Authentizität und Fakten sammeln ebenfalls oft mehr Views als die Serie/Film selbst. HIER und HIER ein Paar Beispiele. Es ist auch kein Geheimnis dass die meisten jüngeren Menschen heute eben Social Media als ihre erste Anlaufstelle für Wissenserwerb sehen, und das sollte man sich zunutze machen, denn dadurch erreicht man nicht tausende, sondern potentiell dutzende oder gar hunderte Millionen Zuschauer weltweit. Als content creator im Social Media kann man 1). durch aktuelle Themen einen guten Bezug zur Gegenwart aufrechterhalten, 2). eine globale Reichweite entwickeln und 3). auf Wünsche und Vorschläge der Menschen direkt eingehen (Kommentarfunktion). Eine klare Abgrenzung zu einschlägigen Clickbait-Kanälen die nur Mythen verbreiten um Klicks zu erzeugen, ist selbstverständlich.


      Grüße, George
      (Ich benutze jetzt mal den Dudelsack als Vertreter für die Mittelaltermärkte etc)
      Als ich 2020 angefangen habe Dudelsack zu spielen, hab ich zwei Reaktionen bekommen, wenn ich es erzählt habe:
      Echt, krass, cool. voll selten, klingt nach einem interesannten Instrument
      oder
      Weiß ich nicht, ist schon ein schei* Instrument, es klingt nicht


      Die gleichen Reaktion bekomme ich auch in meiner Altersgruppe, wenn ich von Mittelaltermärkten erzähle.


      Bei 2. sind wir einfach bei Geschmack/Desinteresse, kann man nicht ändern.
      Beim 1. bleibt jedoch die Frage: Warum haben die Leute voher noch nicht vom Instrument gehört?


      Und daher finde ich, muss man eine Kombination aus Unterhaltung und Wissensvermittlung schaffen. Wenn man es schafft, dass meine Generation sich für das Zeitalter interessiert (siehe George) und die Videoersteller (eines einzelnen Kanal) eine ganze Reihe an Menschen aus der Szene sind, dann kommen die neu gewonnen "Fans" auch auf Mittelaltermärkte, wenn die von den gleichen Leuten angepriest wird oder wie man die neue Veranstaltungsform, in welcher die Wissensvermittlung und die soziale Interkation eine größere Rolle spielen.

      Ich finde, dass es hier auch schon ein recht fachliches Projekt gibt, das einfach nur zu wenig Beworben ist und auch ein bisschen überdimensioniert ist (meiner Meinung):
      campus-galli.de/
      Allerdings fehlt hier definitiv der Unterhaltungscharakter.
      Wenn man solche Projekte in Form einer YouTube Serie wie es zum Beispiel die Naturensöhne, Fritz Meinecke und wie sie sonst noch alle heißen begleiten würde, wäre meiner Meinung viel mehr Interesse da.
      (Ich weiß, es gibt eine Reihe vom SWR, aber jetzt mal ehrlich, wer guckt außer mir in meiner Generation ARD, SWR, WDR, NDR, usw, egal ob Mediathek oder Live im Fernsehn? Für einen Großteil gibt es nur noch Anbieter wie Netflix oder Disney+.)

      Das Projekt steht hier zum Beispiel im totalen Gegensatz zum Mittelaltermarkt (wo der Fokus nunmal häufig ausschließlich auf Unterhaltung liegt).

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von oleting ()

    • oleting schrieb:

      Das Projekt steht hier zum Beispiel im totalen Gegensatz zum Mittelaltermarkt (wo der Fokus nunmal häufig ausschließlich auf Unterhaltung liegt).
      Hier muss ich einfach anmerken, dass die Unterhaltungsorientierung der MA-Märkte an sich ja nicht mal das wirkliche Problem wäre, wenn es denn Unterhaltung gäbe im Sinne der jungen Menschen im Alter zwischen 15 und 30. Die Unterhaltung die es heute auf "Mittelaltermärkten" gibt, verläuft wie vor 30 Jahren immer noch nach dem Muster "Alkohol, Fast Food und Zirkus", dem Muster, welches vor allem die heute 40 bis 60 - Jährigen anspricht! ;(

      Als Gegenbeispiel möchte ich hier das "KlangRauschTreffen" von @mattis Vivien Zeller und @Merit Zloch anbringen!

      - keinerlei sichbare Orientierung in Richtung Alk und FastFood
      - die Menge an jungen Menschen unter den Besuchern ist sehr auffallend
      - das Thema der Veranstaltung ist ausschließlich hochwertige Musik
      - das Entstehen eines "Festbetriebes" nach dem Vorbild der feiernden Fußballfans wird durch die Hausordnung effektiv unterbunden

      ... und siehe da, es funktioniert und zieht junge Leute an! Hümmelchen- und "Französisch Halbgeschlossen" - Kurse gehen weg wie warme Semmeln. Also bietet die deutsche Folk-Szene hinter dem KlangRauschTreffen ihrem Klientel was an, was richtig gut ankommt, und zwar sowohl bei den jungen Generationen als auch beim "älteren Semester".

      Es ist nur meine persönliche Meinung und Eindruck, aber mir kommt es irgendwie vor dass nach 10-15 Jahren, wenn es auf den MA-Märkten so alles nach "bewährten Mustern" weitergeht, diese nach und nach zu dem werden was wir heute "Kaffeefahrten für Rentner" nennen. ;( ;(
      Slow equals smooth and smooth equals fast